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Ein wiedergefundenes Manuskript: Die 2. Auflage von J. J. Winkelmanns „Anmerkungen über die Baukunst der Alten“ (1762)

„und itzo gefällt mir dieses Werkgen fast vor allen, was ich gemacht habe“ – J. J. Winckelmanns Manuskript für die nie erschienene 2. Auflage seiner Anmerkungen über die Baukunst der Alten (1762)

von Martin Dönike

Abb. 1: Anton Raphael Mengs: Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), um 1777, Öl auf Leinwand, 63.5 x 49.2 cm. Metropolitan Museum of Art, New York City, Harris Brisbane Dick Fund, 1948, Inv. 48.141 (gemeinfrei)

Mit seiner 1764 publizierten Geschichte der Kunst des Alterthums gilt Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) als einer der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und Kunstgeschichte im 18. Jahrhundert. Durch die Prominenz dieses äußerst einflussreichen Werks sind andere seiner Schriften in den Hintergrund getreten. Hierzu gehören hierzu nicht zuletzt seine in Rom verfasste 1762 jedoch in Leipzig erschienenen Anmerkungen über die Baukunst der Alten. Dabei handelt es sich um Winckelmanns einzige größere Schrift über die antike Architektur, die er parallel zu seiner Geschichte der Kunst verfasste und selbst hoch einschätze: „Mich deucht, ich habe nichts gemacht, was so ordentlich und zugleich nützlich ist“, ließ er den Baron und Gemmensammler Philipp von Stosch am 30.8.1760 wissen.

Schon parallel zum Erscheinen der Anmerkungen über die Baukunst hatte Winckelmann Materialien für eine zweite und vermehrte Auflage gesammelt, auf die er in seinen Briefen wiederholt zu sprechen kommt. Zwar hat Carl Ludwig Fernow 1808 einige handschriftlichen Überarbeitungen des Textes edieren können, die sich in einem durchschossenen Handexemplar der Anmerkungen fanden. Laut Fernows Auskunft war dieses Exemplar, das 1943 zerstört wurde, allerdings nicht durchgängig überarbeitet gewesen, sondern die Korrekturen und Ergänzungen brachen bereits auf Seite 19 ab. Ein Winckelmann eigener Aussage zufolge druckfertiges und deshalb sicher umfangreicheres Manuskript für die zweite Auflage der Anmerkungen über die Baukunst gilt dagegen bis heute als verschollen.

Dr. Martin Dönike, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem am IZEA (MLU Halle-Wittenberg) angesiedelten Forschungsprojekt zu den Exzerpten Winckelmanns (https://exzerpte.uzi.uni-halle.de/), ist es nun gelungen, dieses Manuskript in der Bibliothèque municipale de Lyon zu entdecken (Bibliothèque de la Part-Dieu, Signatur 400085). Es handelt sich dabei abermals um ein durchschossenes Exemplar der 1762 in Leipzig erschienenen Anmerkungen über die Baukunst, in das Winckelmann seine Korrekturen, Streichungen und Ergänzungen sukzessive eingetragen hat – anders als in dem Fernow zugänglichen Exemplar nun aber durchgehend von Anfang bis Ende des insgesamt 68 Druckseiten umfassenden Buches. Dabei führen insbesondere die auf den eingebundenen Leerseiten in kleinster Schrift eingetragenen Ergänzungen dazu, dass sich der Textumfang im Vergleich zur Erstauflage in der Tat, wie von Winckelmann in seinen Briefen bemerkt, „stark vermehret“ hat. Handschriftlichen Einträgen auf dem Vorsatzblatt, in denen Winckelmann den Fortgang seiner Arbeiten dokumentiert, lässt sich zudem entnehmen, dass er mit seiner Überarbeitung spätestens im Oktober 1762 begonnen und mindestens bis April 1763 fortgeführt hat.

Abb. 2: J. J. Winckelmann: Anmerkungen über die Baukunst der Alten, Leipzig 1762 (Exemplar Lyon), Titelblatt: Bibliothèque municipale de Lyon | Numelyo, 400085

Wie das durchschossene Exemplar der Anmerkungen über die Baukunst nach Lyon gelangt ist, wo es zunächst in der Bibliothèque du Palais des Arts verwahrt wurde, bedürfte näherer Untersuchungen: 1798 wurde der Nachlass Winckelmanns in Rom von französischen Truppen unter der Leitung General Louis Alexandre Berthiers beschlagnahmt und nach Frankreich gebracht. Dies ist der Grund, warum sich ein großer Teil von Winckelmanns Exzerptheften heute nicht in Deutschland oder Italien, sondern in der Bibliothèque nationale de France in Paris und der Bibliothèque de la Faculté de Médecine von Montpellier befindet. Es ist somit gut möglich, dass Winckelmanns Handexemplar der Anmerkungen ebenfalls schon zu dieser Zeit in das zwischen Paris und Montpellier gelegene Lyon gelangt ist.

Um die von Winckelmann vorbereitete, jedoch nie erschienene zweite, korrigierte und stark vermehrte Auflage seiner Anmerkungen über die Baukunst der Forschung zugänglich zu machen, ist eine Edition des in Lyon befindlichen Handexemplars durch Martin Dönike geplant.